Evangelisch-lutherische
Kirchspiele Buttelstedt und Neumark

Andacht

Quellen und Augen haben etwas gemeinsam: Wasser rinnt aus ihnen. Bei einer Quelle sitzt die Sklavin Hagar der Wüste. Die Quelle ist für sie ein Auge Gottes geworden. Sie nennt den Ort: Brunnen des Lebendigen, der mich sieht. Einen Engel hatte sie getroffen, der frug sie nach ihrem Namen. Hagar. Aber seinen eigenen Namen nannte er nicht. Darum nennt sie ihn: Gott, der mich sieht. Dem Engel hatte sie es geklagt: Die vielen kleinen Demütigungen, das Mobbing. Bis sie es zuletzt nicht mehr ausgehalten hatte. Sie floh, schwanger wie sie war, in die Wüste. Und war sich sicher, dass niemand sie vermissen würde, nicht ihre grausame Herrin Sarai. Nicht Abram, der sich über sie hergemacht hatte, damit er einen Nachkommen hätte. Und dem sie jetzt egal war.
Wer sie aber gesucht hatte und gefunden hatte, das war der Engel Gottes. Das gibt Kraft: Gott hat mich gesehen. Er sieht mich weiter. Er kennt mich und gibt auf mich acht. Das gibt solche Kraft, dass sie ihr Schicksal wieder annimmt. Sie kehrt zurück zu Abram und Sarai. Sie trägt sein Kind aus in einer Familie, zu der sie nie richtig dazu gehören wird und in der die Konflikte weiter schwelen.
Gesehenwerden, das tut gut. Ich glaube, es ist gut, für uns und unsere Gemeinden, wenn wir nicht auf Wüstenengel warten, die geheime Quellen auftun. Sondern wenn wir uns selbst auch in der Kunst des Sehens üben. Oder Gott bitten, unsere Augen zu öffnen.
Szenenwechsel: Es ist ein schöner Spätsommerabend, mit einer Bekannten radle ich durch Berlin. Die Stadt hat weder Kosten und Mühen gescheut und uns die herausragenden Gebäude bunt erleuchtet. Phantasievolle Gemälde erstrahlen auf den Fassaden unter den Linden. Die Nacht ist bunt. Humboldt-Uni, Brandenburger Tor. Die Siegessäule endlich leuchtet als Regenbogen. Ich denke mir: „Na toll, muss das sein, dass man das noch draufsattelt…? Kann man nirgendwo mehr hinfahren, ohne dass man mit queerer Identitätspolitik konfrontiert wird?“ Doch ich verkneife mir meinen Gedanken, als ich höre, wie begeistert meine Begleiterin ist. Es ist ihr ein Fest. Sie freut sich über den Regenbogen als Zeichen von Freiheit und Solidarität. Sie nimmt es persönlich. Denn sie ist mit einer Frau verheiratet. Okay, denke ich mir, sie fühlt sich gesehen. Und ich fühle mich ertappt. Ich habe anscheinend noch immer nicht genug hingeschaut.
Es gibt Themen, mit denen man zu schnell fertig ist – solange man nicht betroffen ist. Man ist in Gefahr zu übersehen: Weil man die Macht hat – wie Abram und Sarai höher standen als die Sklavin Hagar. Oder weil man einfach zur Mehrheit gehört und sich darum für normal hält und sich ärgert, wenn es zu bunt wird.
Welche Menschen oder Gruppen gibt es, von denen Sie sagen würden: die haben wir nicht genug im Blick?
Die Jahreslosung 2023 ist der Seufzer Hagars: „Du bist ein Gott, der mich sieht.“ (1. Mo 16,13). Mögen unsere Gemeinden Quellorte werden, in denen Menschen diese Erfahrung machen. Hier werde ich gesehen.


Mit herzlichen Segenswünschen Dr. Gregor Heidbrink

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